• Aufsicht auf die Marzahner Promenade bei Tag.

Marzahn-Hellersdorf – Zweite Wahl mit Perspektive

Andrej Holm


Auch wenn sich Marzahn-Hellersdorf nicht auf die Großsiedlungen beschränken lässt, ist der Ruf des Bezirks doch untrennbar mit der „Platte” verbunden. Einst das Synonym für die sozialistische Stadtentwicklung und Traum vieler junger Familien in der DDR, durchlebte der Bezirk in den ersten Jahren nach der Wende eine beispiellose symbolische Abwertung. Viele Fortzüge, hohe Leerstandszahlen und eine Reihe von sozialen Problemen bestimmten nicht nur das Bild, sondern auch den Alltag im Bezirk. Allein zwischen 1994 und 2009 summierten sich die Wanderungsverluste auf über 50.000 Personen. Bezogen auf die Einwohnerzahl entsprach das etwa 20 Prozent der Bevölkerung.

Seit 2010 verändert sich die Situation und die Bevölkerungszahlen in Marzahn-Hellersdorf steigen wieder. Grund dafür sind vor allem sogenannte Binnenwanderungsgewinne – also Umzüge aus anderen Bezirken der Stadt. Für den Zeitraum von 2008 bis 2012 weist die Bilanz der Fort- und Zuzüge ein deutliches Plus von fast 5.900 Personen aus. Zugleich scheint der viel besprochene Berlin-Boom völlig am Bezirk vorbeizugehen. Während Berlin mit einem satten Wanderungsgewinn von über 120.000 Personen (2008 bis 2012) von der gestiegenen Attraktivität der Stadt profitiert, ist Marzahn-Hellersdorf der einzige Stadtbezirk, der für die letzten Jahre bei den Fort- und Zuzügen über die Landesgrenzen Berlins einen leicht negativen Wanderungssaldo (2008 bis 2012: - 275 Personen) aufweist.

Ein wesentlicher Grund für die Zuzüge nach Marzahn-Hellersdorf sind die steigenden Mieten in der Stadt. Gerade in Zeiten des angespannten Wohnungsmarktes und einer fast ­flächendeckenden Gentrifizierung in der Innenstadt werden die effektiv geschnittenen Wohnungen in den Großsiedlungen zur Alternative für viele, die bei der Wohnungssuche vor allem auf den Geldbeutel achten müssen. Während insbesondere aus den Hochpreisgebieten Friedrichshain-Kreuzberg (- 20.000) und Mitte (- 8.000) in den letzten Jahren viele Haushalte in andere Bezirke fortziehen mussten, gehört Marzahn-Hellersdorf (+ 5.900) mit Treptow-Köpenick (+ 8.600), Reinickendorf (+ 8.600) und Lichtenberg (+ 4.900) zu den Bezirken mit deutlichen Wanderungsgewinnen der Berliner Binnenumzüge. Mit anderen Worten: Statistisch betrachtet ist Marzahn-Hellersdorf ein Umzugsziel zweiter Wahl. Es kommen vor allem diejenigen hierher, denen das Wohnen in anderen Teilen der Stadt zu teuer wird.

Die Ummeldungen von Hartz-IV-Bedarfsgemeinschaften zwischen den Berliner Jobcentern verweisen auf ein zusätzliches Problem: Mit einem positiven Saldo solcher Trägerwechsel in Höhe von 3.100 Personen ist Marzahn-Hellersdorf zwischen 2008 und 2012 gemeinsam mit Reinickendorf (+ 3.400) und Spandau (+ 3.300) auch einer der Bezirke, die die größte soziale Last der Berliner Verdrängungsdynamiken auffangen müssen. Grund für die Umzüge sind in vielen Fällen das Überschreiten der Bemessungsgrenzen für die Kosten der Unterkunft und die darauf folgenden ­Umzugsaufforderungen durch die Jobcenter. Die amtlich erzwungenen Wohnungswechsel enden immer häufiger in Marzahn-Hellersdorf und anderen Gebieten, in denen noch kleine und preiswerte Wohnungen gefunden werden können. Trotz ­steigender Wohnkosten ist Marzahn-Hellersdorf nach wie vor der Bezirk mit den günstigsten Mieten in Berlin. Angesichts der ungleichen Mietentwicklung in Berlin ist auch in den kommenden Jahren mit Umzügen aus anderen Stadtbezirken zu rechnen. Und es werden vor allem die Ärmeren sein, die nach Marzahn-Hellersdorf gedrängt werden. Trotz aller Versuche, das „Wohnen in der Platte” mit einem Hipness-Faktor zu versehen, wie es die WBM mit ihrer Kampagne „Jeder m² Du” versucht – die Großsiedlungen werden in den nächsten Jahren vor allem als Möglichkeit einer preiswerten Wohnungsversorgung gebraucht.

Die veränderten Stadtentwicklungsdynamiken in Berlin stellen auch für die bezirklichen Kulturangebote und -initiativen in Marzahn-Hellersdorf eine neue Herausforderung dar. Ging es bisher oft darum, den meist zufriedenen Erstbezieher/innen des Bezirks einen Ort der lokalen Identifikation zu bieten und den Vorurteilen der Außensicht ­auf Marzahn-Hellersdorf ein eigenes Bild entgegenzusetzen, stehen nun echte Integrationsaufgaben an. Das neue Marzahn-Hellersdorf wird sich als wilder Mix aus alternden Marzahner/innen der 1. Generation, junge Leute, die früher weggezogen wären, aber wegen der steigenden Mieten hierbleiben müssen, und den unfreiwillig Zugezogenen entwickeln.

Kultureinrichtungen werden künftig mit stärker widerstreitenden Interessen konfrontiert sein. Wie in anderen Stadtteilen auch wird sich durch die Wanderungsdynamiken und die Wohnungsmarktlage die Binnendifferenzierung des Bezirks verstärken. Soziale Gruppen und Milieus mit ihren ganz eigenen Erzählungen von Marzahn-Hellersdorf werden ihre jeweils verschiedenen kulturellen Anker im Bezirk brauchen und erstreiten. Damit wird auch das Ideal eines bezirklichen Kulturangebots „für alle” in Frage gestellt werden. Marzahn-Hellersdorf wird bunter und es wird mehr Streit geben. Die ­Kulturstandorte sollten dem einen Ort geben und darauf vorbereitet sein.